wildwux
cozy fantasy kurzgeschichte
Seine Prinzessin kotzt in die Wintertulpen. Wenigstens laut genug – so war sie noch schneller auffindbar. Seine Leibwächter-Schicht beginnt eigentlich erst in einer Stunde. „Fertig?“, fragt Meleno Kaina und zieht ein Taschentuch aus seinem grauen Mantel.
Ilia Ahlien blickt aus ihrem blonden Haarmantel zu ihm hoch, ihr silbernes Lippenpiercing funkelt. Sie bläst ihre Wangen auf. „Du hast mich gefunden.“
In ihrer Stimme findet sich eine Nüchternheit wieder, die ihn überrascht.
„Das ist …“
Sie würgt erneut.
„Auch meine Aufgabe“, beendet er trocken seinen Satz.
Er streckt ihr das Tuch entgegen, doch Ilia schüttelt den Kopf und wischt ihren Mund mit den Puffärmel ihres rosafarbenen Seidenkleids ab. Melenos Lippen zucken amüsiert – er weiß jetzt wieder, warum er besonders bei den Jahreskreisfesten gerne auf Prinzessin Ilia aufpasst und gleichzeitig die perfekte Ausrede hat, warum er nie lange bleiben, niemanden begleiten und nicht tanzen kann. Bei allen Leyds, wie er diese oberflächlichen Festlichkeiten hasst. Und was gibt es da Besseres, als das Licht am Julfest mit einer im Morgengrauen kotzenden Prinzessin zu begrüßen?
„Hast du schon die anderen benachrichtigt?“ Sie schaut sich um, streicht sich durch ihre kurzen, graublonden Haare, wobei ein paar Gänseblümchen herausfallen und noch in der Luft vertrocknen. Als sie ihre Finger bewegt, flackert die Luft und ein paar der Wintertulpen lösen sich aus der Erde, um sich halbwegs über ihr Erbrochenes zu legen. Es wirkt weniger verdeckend und mehr, als würde sie sie verzieren.
Ilia steuert den Tentakela an, ein einzelner Baum, der sich breit und massiv zwischen einer Armada Blumen in den Himmel biegt und dessen Wurzeln wie Tentakel wild aus der Erde ragen.
Meleno schmunzelt, als Ilia sich mit den Worten „Ein frohes, neues Lichtjahr!“ einfach auf die Wiese vor der Tentakela plumpsen lässt und hinsetzt. Sie schaut aus ihren grünen Augen zu ihm hoch, ein Spritzer Kotze an der rotgefärbten Wange.
Vermutlich ist ihr kalt.
Muss er sich jetzt seinen Mantel ausziehen? Darf er das überhaupt?
Seine Finger kribbeln, eine Aufregung flattert durch seinen Körper, die er schnell wieder verdrängt.
„Willst du meine Frage nicht beantworten?“, fragt sie zu ihm hoch.
„Ich habe niemanden der anderen benachrichtigt.“
„Oh gut.“ Und da lässt sie sich zurückfallen, lehnt sich gegen eine Wurzel der Tentakela, als wäre Sommer.
„Der Boden ist kalt.“
„Nah.“
„Sie werden sich erkälten, Prinzessin.“ Er verdreht die Augen. Wenn sie sich in seiner Schicht erkältet, würde ihn sein Captain Krayle wieder den Tauberg hochschicken, während er gleichzeitig Fragen zur Pflicht als Umwächter[1] beantworten müsste. Nein. Das eine Mal, als sie ihm wirklich entflohen war und sich währenddessen von einer Luporengang hat piercen lassen, hat ihm mehr als gereicht. Sie roch tagelang nach nassem Hund.
„Dann trag mich doch rein, wenn es dir so wichtig ist“, erwidert sie mit einem breiten Grinsen.
Oh, sie weiß, dass er das niemals tun würde. Stattdessen lässt er sich neben sie fallen, ignoriert die Nässe der Wiese und blickt zu der entfernten Burg, die mit den blassrosa-blauen Horizont mal wieder unfassbar kitschig wirkt.
„Wie hast du mich gefunden?“
Meleno blickt auf sie hinunter und zuckt mit den Schultern. „Sie würgen nicht sonderlich leise.“
Ilia klatscht ihm gegen den Oberarm. „Und das ist nicht sehr charmant. Ich bin überzeugt, dass es irgendwo in irgendeiner stinkenden, verstaubten Abteilung ein Buch darüber gibt, dass alle Prinzessinnen so leise und annehmlich kotzen wie … wie Schmetterlinge.“
„Schmetterlinge kotzen?“
Sie deutet mit dem Finger auf ihn. „Siehst du? Sie sind so leise, dass es einfach niemand weiß.“ Ilia grinst und Meleno schmunzelt. Etwas, das ihm in der Anwesenheit der Prinzessin viel zu oft geschieht. Da bewegt sie erneut ihre Hand, die Luft vibriert und unter einer der Wurzeln taucht eine Flasche Kupfergin auf, die noch relativ voll ist.
Verwundert kneift er die Augen zusammen – er hat die Flasche vorhin nicht bemerkt, was bedeutet: Ilias Luftillusionen verbessern sich. Oder das Würgen hat ihn tatsächlich mehr abgelenkt als gedacht.
„Willst du?“ Sie richtet sich auf und drückt den aufgeblähten Stoff ihres Kleides nieder, um sich im Schneidersitz ihm zugewandt setzen zu können. Ihr Knie streift ihn. Meleno rückt zur Seite und setzt sich ihr gegenüber, mit etwas Abstand.
Er nickt.
„Schön, dann kann ich auch endlich mal mit jemanden zum Julfest anstoßen, den ich auch wirklich mag.“
Seine Wangen lodern auf wie alte Glut und er wendet seinen Blick von ihr ab – eine Horde an Wolfsbäumen schottet sie ab, der Irrgarten liegt noch zwischen ihnen und dem Festgarten. Und die Tentakela, hinter der sie sitzen. Von der Gerberaplattform aus können sie kaum zu sehen sein.
„Auf ein glorreiches, neues Lichtjahr, Kaina!“ Ilia führt die Flasche zu ihrem Mund, ihr Lippenpiercing klirrt. Sie nimmt einen kräftigen Schluck, verzieht ihr Gesicht und reicht den Kupfergin dann an ihn weiter.
Ihre Finger sind kalt, streifen über seine Hand, als sie die Flasche loslässt. Etwas in seiner Brust erhöht das Tempo. Er prostet ihr zu, murmelt was vom Lichtjahr, bevor die Schärfe des Alkohols ihm fast den Gaumen aufschneidet. Meleno verdeckt sein Husten mit einem Räuspern. Ilia lacht leise.
Stille wächst zwischen ihnen hoch wie Efeu, klammert sich an ihnen fest, bis sie sich daraus befreien. So dringen die Geräusche aus dem nahen Distelwald zu ihnen hinüber, das Knacken, Rascheln und Fiepen. Wäre nicht Jul, wäre es viel zu gefährlich, hier mit der Prinzessin zu sitzen. Die letzten zwei Jahre gab es wieder und wieder Grenzgänge, ein Auskosten von Gylia[2] – wie weit können wir gehen und wie schnell werdet ihr reagieren, wenn wir angreifen? Doch Meleno glaubt nicht, dass es um sechs Uhr morgens dazu kommen könnte. Die werden vermutlich selbst alle zu besoffen sein.
Eisstörche fliegen über sie hinweg, verschwinden in den Wolfsbäumen, die im aufkommenden Wind zu heulen beginnen wie die Tiere, von denen sie ihren Namen haben.
Hin und wieder poltert sogar Gelächter und Jubel aus der Burg zu ihnen herüber.
Ilia saugt an ihrem Lippenpiercing und fährt sich wieder durch die graublonden Haare. Was das macht mit Meleno, wenn er sie so ansieht und weiß, das kostet ihm alles. Seinen Posten. Seine Gedanken. Zu viele Herzschläge. Er darf so nicht schauen, er muss aufhören, jetzt. Und trotzdem passt er auf niemanden so gerne auf wie auf sie.
Sie ist die einzige ihrer fünf Geschwister mit dieser hellen Haarfarbe, die einzige mit einer Blässe, die die meiste Zeit eher kränklich wirkt, die einzige ihrer drei Schwestern, die einzige von einer Blutlinie, die als Geburtselement Luft und nicht Erde beherrschen konnte. Sie ist der Wildwux, das Luftschloss-Mädchen, die versauste Prinzessin usw. – alles nur Bezeichnungen für die Sensation, die erste Prinzessin in ihrer Blutlinie zu sein, die mit dem Element Luft geboren wurde. Er hat sie damals zwar noch nicht gekannt – Meleno war nur ein Jahr älter als Ilia – aber wenn er den Geschichten glauben darf, was er nie tut, fand das Element sie. Ilia soll schon mit drei Jahren durch die Gänge der Burg gesaust sein, als hätte sie den Boden nicht berührt – sie sei geflogen. Was mit ziemlicher Sicherheit Unfug war, denn er hat sie in all der Zeit – und er gehört seit zwei Jahren zu den Umwächtern, inklusive der drei Jahre gezielte Ausbildung in Gawari – nicht ein einziges Mal schweben sehen. Und zu fliegen wäre wohl die schnellste Art für den Wildwux, um abzuhauen.
„Kaina?“, fragt sie und lenkt seine Aufmerksamkeit wieder auf sie.
„Hm?“
„Verrätst du mir heute, wie du mich immer findest? Also wirklich?“ Ihr Mund klappert einen Moment. Seine Augen rutschen an ihr hinab – sie bebt vor Kälte.
„Ich erzähl‘s Ihnen, wenn wir zurückgehen.“
„Ja, natürlich. Du warst echt schon mal besser darin, mich zu überreden.“
Er würde ihr niemals verraten, mit welcher Magie er bei seiner Geburt „gesegnet“ worden war, selbst wenn sein Captain es ihm nicht noch zusätzlich untersagt hätte, niemals.
„Ist es ein Zauberspruch? Du bist doch ein Hexer, oder nicht? Hast du eine Haarsträhne von mir und …“
„Nein“, unterbricht er sie eine Spur zu panisch.
„Wär auch irgendwie gruselig. Die Vorstellung, dass du mir im Schlaf …“
„Prinzessin Ilia“, bringt er aus zusammengepressten Lippen hervor, weil er sie sich nicht schlafend vorstellen möchte.
Sie streift über ihr Kleid, es raschelt. Ihre Schultern schütteln sich und Meleno seufzt. „Gehen wir zurück. Sie frieren.“
Ilia schüttelt den Kopf, erneut fliegen ihr Gänseblümchen aus dem Haar. „Ich geh ganz bestimmt nicht zurück. Und wenn ich erfriere, bevor ich noch einmal diesen Festsaal betrete, soll … keine Ahnung, gebe ich mir lieber noch einmal zehn Wochen Benimmstunden bei Ibran.“
Meleno kann sich den amüsierten Laut nicht verkneifen – als Prinz Ibran Ilia in der Etikette unterwies, verschwand sie vermutlich so oft wie noch nie. Trug wochenlang nur ausgewaschene Hosen und viel zu große Leinenhemden, um ihren großen Bruder zu nerven. Das Lippenpiercing war nur der Beginn, da folgten eine tätowierte Brennnessel auf ihrem Fußgelenk und ein Löwenzahn unter ihrem Bauchnabel, die sie sich von einem Elben stechen lassen hat. Meleno saß daneben und las ihr ausnahmsweise vor. Und er hätte es wieder getan, um nicht auf ihre nackten Hüften zu schauen und das Bild von ihrem gelben Slip zu vergessen.
„Ich kann Sie auch sofort in Ihr Schlafzimmer begleiten“, sagt er. „Außerdem glaube ich nicht, dass das Fest noch lange dauern wird. Es ist schon hell.“
Wieder bläst sie ihre Wangen auf. Sein Herz stolpert bei dem Anblick so deutlich, dass er gerne fluchen würde. „Wie lange bleiben … unsere Gäste dann noch in der Burg?“
„Ich bin ein Wächter. Kein …“
„Ja, aber auch Wächter reden, oder nicht? Ich habe Juwel und Eustace genau gehört, als sie gesagt haben, dass sie hoffen, dass die Familie Aidora am besten für immer zu Gast bleibt. Oder sich die Freundschaft zwischen ihnen mit meinen Schwestern doch bitte vertiefen soll, damit sie öfter hier auftauchen.“
Er schweigt. Sie tauschen einen Blick miteinander, der in irgendeinem Wächterhandbuch sicher als verboten oder grenzüberschreitend definiert ist oder dafür sorgen würde, dass sein Captain den Schichtplan wieder überarbeitet – zumindest so lange, bis wieder niemand den Wildwux finden kann.
„Ist auch besser so, wenn das Fest endlich vorbei ist“, schimpft sie. „Wenn ich irgendeinen Prinzen oder Grafen heute noch einmal sehen muss, wenn ich noch einmal das Wort Julkuss höre, dann …“, ihre Stimme verebbt, stattdessen wirft sie ihre Hände in die Luft und er ist sich nicht sicher, ob die Kälte ihr das Wort abgeschnitten hat. Vermutlich nicht. „Das … ich meine … ich finde diese Tradition bescheuert. Und sexistisch. Und absolut … missbrauchend für etwas, das … und …“ Als ihre Stimme zittert und ihre Augen feuchter werden, bereut er, der einzige Wächter zu sein und niemanden benachrichtigt zu haben.
Bitte kein Heulkrampf. Denn dann komme ich dir näher, dann nehme ich dich vielleicht sogar in den Arm, und dann … ferda[3] und dann?
„Sie brauchen niemanden zu küssen, wenn Sie nicht wollen. Das ist Ihr gutes Recht“, versucht er dazwischen zu fahren und spürt dabei ein heißes Ziehen in seiner Brust.
Sie verharrt. Ihre Augen bohren sich in seine, als ein Eiswind über die beiden davon zischt, ihr ihre kurzen Haarsträhnen ins Gesicht treibt. „Sie glauben doch nicht, dass irgendjemand den Wildwux küssen möchte, oder doch?“
Er weiß nicht, wann ihn die Prinzessin das letzte Mal gesiezt hat, aber es leert ihn seltsam, als hätte er kein Gefühl mehr für seine Magie. Wie in dem Moment, als er sie nicht finden konnte. Oder wollte. Als sie den Distelwald durchkämt hatte, immer weiter nach Norden bis in die nächste Kleinstadt gekommen war, nur weil der zukünftige Lord Irgendwie ihr nach einer – wie hatte sie das genannt? – dummen Knutscherei plötzlich nichts mehr zu sagen hatte.
Aber was ihn noch mehr beißt, ist die Art, wie sie ihren Spitznamen ausspricht – eine Verachtung, die zermattert. Obwohl er sie selten so anspricht, empfindet er es als passend – sie ist wild, sie geht dorthin, wo es ihr gefällt, lässt sich treiben, befindet sich überall. Aber natürlich – im Vergleich zu allen anderen Frauen aus dem Haus Ahlien – die alle Blumen oder Kräuter als Beinamen erhalten, war Wildwux nicht unbedingt ein Kompliment. Keine Erde als Geburtselement, kein Blumenbeiname.
„Und … ich kann ihnen das nicht einmal verübeln.“ Wie sie ihn ansieht, das … wo hat sie den Kupfergin hingetan? Er könnte ihn gebrauchen. „Ich meine … und das ärgert mich noch mehr, weil … argh. Wieso kann ich keinen Julkuss bekommen?“ Sie schlingt ihre Arme um sich selbst, ihre Zähne klappern lautstark aneinander.
Das ist der Moment, als Meleno tatsächlich seinen grauen Mantel auszieht und die Prinzessin noch ein „Ganz bestimmt nicht“ murmelt, sich aber sonst nicht dagegen wehrt. Vielleicht ist er etwas zu grob, als er ihn ihr überwirft. Seine Gedanken wirbeln um den Julkuss, diesen lächerlichen Brauch, jemanden ins Licht zu küssen, bis die Finsternis verschwindet. Dann taucht Lord Irgendwie wieder in seinen Kopf auf, was schon eineinhalb Jahre vergangen ist, aber noch so in seiner Erinnerung lauert, die Art, wie ihre Finger sich in seine schwarzen Haare geklammert hatten, die schmatzenden Geräusche, ihr Kichern … Er reißt an dem Mantelkragen, als er ihn enger um sie legen möchte, was dazu führt, dass Ilia aus dem Gleichgewicht gerät und sich abstützt. Auf seinem Bein.
Ihr Atem streicht über seine Wange, seine Augen hüpfen wie von selbst zu ihren Lippen. Zu dem silbernen Ring. Das einzige Mal, dass er sie in seiner Schicht nicht wirklich gefunden hatte, weil damals alles zu verbissen war, zu verkrampft, zu viel Lord Irgendwie, weil sein verdammtes Herz … „Kaina“, flüstert sie und in seiner Brust zieht etwas, drängt etwas, noch einen Hauch näher, ihr Atem schon auf seinem Mund, zu viel Hitze im Gesicht, wie sie wohl schmeckt, das … da rutscht ihr Kopf auf seine Schulter. Er weiß nicht, ob er erleichtert oder verärgert ist.
„Nervt dich das nicht, dass sie dich immer holen, um mich zu finden?“
„Immer ist eine ziemliche Übertreibung.“ Ihre Hand an seinem Bein rutscht über seine Hüfte, zu seinem Rücken – sie drängt sich an ihn. Er versucht, sich nicht zu bewegen, an etwas anderes zu denken, das Zucken in seiner Hose zu ignorieren, kommt aber nicht aus, dass seine Nase beinahe in ihren Haaren versinkt. Gänseblümchen. Sandelholz. Ein tiefer Atemzug von ihm, bevor er weiterspricht: „Und ich weiß, dass du das weißt. Wann auch immer du damit angefangen hast, immer zu Beginn meiner Schicht zu verschwinden.“
Ihre andere Hand spielt mit seinem Leinenhemd, zupft es ihm aus der Hose. Ist das ihr Ernst? „Du hast mich noch nie geduzt.“
Ferda.
„Verrat mir dein Geheimnis.“
„Nein.“
Kurze Stille, sein Leinenhemd zwischen ihren Fingern verzwirbelnd. Der Druck in seinem Becken steigt. Eine seiner Hände schiebt sich über seine Hosenmitte, verdeckt sie und einmal ist er dankbar dafür, dass die Uniform nicht eng anliegt, sondern Platz lässt. „Weißt du, dass manche Luftelementare zum Verhör eingesetzt werden? Weil sie spüren, wie Lügen schweben. Wie Gefühle in Worte geschlagen werden – wann jemand etwas ganz anders meint, als er es sagt.“
Er verkrampft sich. Das weiß er – aber er hätte Ilia nie für manipulativ, für so misstrauisch gehalten, um das an anderen ausüben zu wollen. Oder zumindest nicht an ihm.
Sie richtet sich auf. „Und ich freue mich schon, wenn ich all diese eingebildeten Prinzen bei ihren umschwärmten Damen und Herren damit blamieren kann, dass keine ihrer verdammten Flirtereien ernst gemeint ist.“
Meleno schmunzelt, als ein lautes, erleichtertes Lachen aus ihm herausbricht. „Endlich mal ein vielversprechendes Fest.“ Immer noch in einer Körpernähe verstrickt, die auf der Haut prickelt, für die ihn der Captain aus der Umschaft schmeißen würde, doch er rückt nicht ab. Genauso wenig wie Ilia. „Und vergiss nicht Prinz Ibran einmal damit … zu beglücken.“
Ihr Lachen vibriert ihm in der Brust wider. Ihre Hände lösen sich langsam von ihm, als sie seinen Mantel enger um sich wickelt. „Danke, dass du nicht auf meine Julkuss-Selbstmitleid-Tirade eingegangen bist.“
„War auch viel zu erbärmlich, um da noch mehr Öl ins Feuer zu schütten.“ Er räuspert sich, rutscht am Boden herum, zupft an seiner Hose, damit sie hoffentlich nichts merkt. Schnell ruft sich Meleno die stinkenden Stiefel seiner Umwächter-Freunde ins Gedächtnis.
„Du Charmeur. Du konntest dich bestimmt auch nicht vor Julküssen retten“, sagt Ilia und starrt die Tentakela hoch.
„Ja, wer sitzt da nicht lieber mit dem Wildwux bei Minusgraden zwischen angekotzten Wintertulpen, um Kupfergin zu trinken?“
Da ist ein Zögern in ihrem Gesicht, das er nicht einordnen kann, doch der Ausdruck verschwindet gleich wieder. „Hattest du denn ein schönes Julfest?“
„Wurde erst so richtig amüsant, als Juwel und Eustace komplett panisch in den Aufenthaltsraum stürmten, um dem Captain erläutern zu müssen, wie du ihnen unter der Nase entwischt bist.“
Ilias Lachen macht sein Grinsen noch ein Stück breiter. „Tja.“
„Wie hast du das angestellt?“ Normalerweise verschwindet Ilia im Schichtwechsel, wenn Konzentration und Aufmerksamkeit schon am Verblassen sind, zudem sind Juwel und Eustace so pflichtbewusst, dass es tatsächlich erstaunlich ist, dass sie den beiden entwischen konnte.
„Ich sag nur Damentoilette.“
Die Damentoilette beim Festsaal befand sich mindestens fünfzehn Meter über dem Boden. „Aber das erklärt noch nicht …“
„Das ist dann wohl mein Geheimnis.“
Niemals. Die Kindheitsgeschichte um Ilia. Sie kann doch nicht wirklich schweben, oder? Ihr Seufzen reißt ihn aus seiner Vorstellung, ein Gänseblümchen hängt schief aus einer ihrer vorderen Haarsträhnen. Vermutlich fällt es gleich herab. „Sehe ich so aus, als könnte ich mich noch einmal blicken lassen?“ Ein Zittern in ihren Beinen, sodass Meleno automatisch nach ihr greift, ihre Hände sich auf seine Unterarme legen. So stehen sie miteinander auf.
„Ich gehe davon aus, wenn überhaupt noch welche anwesend sind, dass die meisten um diese Uhrzeit schon ziemlich angetrunken sein werden.“
„Meine Mutter auch?“
Meleno schüttelt leicht amüsiert den Kopf.
„Hm.“ Ilia wendet ihren Blick von ihm ab, um in Richtung der Burg zu blicken. Da bemerkt er, dass sie nach wie vor einen Sprenkel Magensäure auf ihrer Wange hat. Als er sich aus ihrer Umklammerung löst, schaut sie überrascht zu ihm auf – er kommt ihr näher, weil er in seinen Mantel greift, den sie um die Schultern trägt. Ihre Augen weiten sich, sein Herz poltert, da zieht er das Tuch heraus und reicht es ihr.
Deutet auf seine eigene Wange, damit sie versteht.
„Das sagst du mir erst jetzt?“ Sie streift sich damit über die Wange, erwischt den Tropfen natürlich nicht.
Er seufzt. „Etwas weiter …“
„Wo …“
Meleno schnaubt, entzieht ihr das Tuch und rubbelt über ihre Wange, um den Fleck zu entfernen. Dabei bemerkt er einen Hauch ihrer Sommersprossen, die sich im Winter wohl zurückziehen und deutlich weniger werden.
„Ich werde mich nie daran gewöhnen, dass du mittlerweile so viel größer bist als ich“, flüstert sie.
„Ich dachte, du wächst noch?“ Er grinst auf sie herab. „Und Unkraut wuchert doch immer dann, wenn man es am wenigsten erwartet.“
Sie schlägt ihm gegen die Seite. „Wie redest du eigentlich mit deiner Prinzessin?“
Die beiden grinsen sich an, das Gras knistert, als sie noch einen Schritt auf ihn zumacht. Sich ihre Oberkörper beinahe wieder berühren. Kurz fahren ihre Zähne über ihr Piercing, ihre Augen rutschen so deutlich auf seine Lippen, dass er verharrt.
Genau in dem Moment zischt eine Flamme über ihren Köpfen auf und ein Zettel fällt zwischen ihre Gesichter. Ilia fängt ihn rechtzeitig auf, bevor er zu Boden fällt, und reicht ihn – ohne ihn zu lesen – an Meleno weiter.
Prinz Ikrim hat seine kleine Schwester Richtung Distelwald gehen sehen. Juwel, Eustace und ich machen uns auf den Weg. Captain und Königin sind informiert. Kommst du mit? – Hylan
Meleno antwortet sofort.
Hab sie schon gefunden, hinter den Drachenbäumen, bei der Tentakela. – Meleno
Er murmelt die Formel, um die Nachricht zurückzuschicken. Hylan wird ihn anstinken, warum er nicht sofort Bescheid sagen konnte, während sie vermutlich die Reste ihres Julfests damit verbringen mussten, Bibliothek, Speisekammer und Fechtsaal einmal umzudrehen.
„Sie sind auf dem Weg, oder?“, fragt sie. Ist das Nervosität in ihrer Stimme?
„Ja.“
„Dann bleibt nicht mehr viel Zeit.“
„Woz…“ Das U verschluckt er, als sich Ilia ihm entgegenstreckt, wieder an seinen Armen abstützt und ihn lange, lange, lange auf die Wange küsst. Ihr Piercing kühl an seiner Haut. Als er ihre weichen Lippen nicht mehr spürt, verharrt sie noch an seinem Ohr. „Auf dass Licht und Finsternis dir gleichsam die Seele wiegen, Kaina. Ein schönes Julfest.“
Sie löst sich von ihm, schlingt seinen grauen Mantel enger um sich. „Kommst du?“ Ihr Grinsen, das Piercing, die unscheinbaren Sommersprossen, von denen er jetzt weiß, dass sie da sind – sein Herz klopft in einem Tempo und könnte sein Captain das hören … „Oder soll ich mich lieber noch einmal verstecken, damit du …“
„Ich finde dich sowieso“, unterbricht er sie feixend.
„Und irgendwann finde ich heraus, wie du das machst.“
„Niemals.“
Aber vermutlich würde sie das irgendwann; so lange zerrt er die Wahrheit hinaus, so weit hinaus, wie er kann. Seine Prinzessin braucht am besten niemals zu erfahren, dass er bei seiner Geburt mit dem magischen Zusatz gesegnet wurde, immer diejenigen intuitiv finden zu können, die sein Herz froh und leicht machen.
[1] Die Wächter*innen, die dich UMzingeln, wenn du dem Adel zu nahe kommst. Scherz beiseite. UM steht für ein Kürzel, das auf Deutsch so viel wie Alles für die Wurzel bedeutet. (ja, UMzingeln war besser, oder?)
[2] Truppen eines befeindeten Landes.
[3] Scheiße.



Die versauste Prinzessin und der Bodyguard, der sie über all findet - was tust du mir an? 😭 Ich lieb's. 💖